Bald gibt es ein Zündholzmuseum. Dort wird nicht nur Moritz Camenischs Sammlung zu sehen sein.
"Sammeln ist ein Virus", sagt der Krienser Moritz Camenisch. Blau in Blau gekleidet sitzt er in seinem Wohnzimmer auf dem blauen Sofa. Ein korrekt gestutzter Schnauz, ein kurzer Haarschnitt und ein faltenfrei gebügeltes Hemd runden die Gesamterscheinung ab. Im Holzregal sind - säuberlich aufgereiht - Plüschbären in unterschiedlichster Form und Grösse sichtbar. Sammeln liegt in Camenischs Natur: Hotelseifen, alle Arten von Porzellankatzen - und vor allem Zündhölzer in allen Grössen und Formen sammelt und hortet der Krienser. "Wohin mit den mittlerweile 500 000 in Kisten gelagerten Zündholzschachteln, -briefchen inklusive Tauschware?", fragte sich Camenisch.

Stiftung verhilft zu Museum
Camenisch hat mit seinen Zündhölzern Grosses vor: Er will mit Sammlerkollegen ein Museum gründen und hat bereits ein Objekt im Auge. Aber: "Es dauert noch, bis wir das Museum eröffnen können." Ein Erlebnismuseum ist in der Planungs-Pipeline. Als Vorbild dient die Glasi Hergiswil. Eine grosszügige Stiftung des verstorbenen Appenzellers Konrad Nef verhilft den Zündholzsammlern zu den nötigen Finanzen.
Menschen starben für Zündhölzer
Camenisch ist überzeugt, dass es über Zündhölzer genügend Interessantes zu berichten gibt, um ein Museum zu füllen. Dieter Weigelt, Historiker und Zündholzkenner, weiss aus einem Telefonbucheintrag aus dem Jahr 1888: "Auch in Kriens gab es eine Zündwarenfabrik." Dass dort Zündhölzer produziert wurden, sei nicht sicher, da der Begriff "Zündwarenfabrik" dehnbar ist. Das Zündholz wurde vom englischen Chemiker John Walker im Jahre 1827 erfunden. Der Zündholzkopf bestand aus Schwefel, wurde aber bald durch das besser Brennbare, doch giftige Phosphor ersetzt. Die Füllerinnen, welche die Zündhölzer in die Maschine einlegten, arbeiteten in dichtem Phosphorqualm, welcher die Phosphornekrose verursachte. Die Krankheit meldete sich durch Zahnschmerzen, Eiterungen, ekelhaften Geruch aus dem Mund. Wurde das Leiden vernachlässigt, konnten die Eiterungen zum Tod führen.
Erste Stücke im Esslokal erobert
Von solch makabren Geschichten hatte Moritz Camenisch keine Ahnung, als ihn die ersten Zündholzschachteln in den Bann zogen. Er freute sich über die verschiedenen Schachtelserien mit Baum-, Ortschafts- oder Fahrzeugmotiven. Seine Augen leuchten auf, wenn er von seiner handgeschnitzten Zündholzschachtel erzählt: Bei Entfernung des Deckels präsentieren sich die Zündhölzer in einer Blume gleich. In den unzähligen Restaurants, die er als Verkaufsberater im Aussendienst aufsuchte, lagen die farbigen Schachteln. "Früher war in den besseren Esslokalen auf jedem Tisch je eine Zündholzschachtel, die ich jeweils mitgenommen habe".
Vor 35 Jahren hatte der gebürtige Rhäzünser zu sammeln begonnen und vor 25 Jahren einen Sammlerklub gegründet. "Suche Tauschpartner!", hat er damals in die Anzeige geschrieben, worauf sich fünf Sammler gemeldet haben. "Heute ist das Zündholzsammeln in der Schweiz aus der Mode gekommen, obwohl die Schweiz einst eine grosse Zündholzproduktion hatte", sagt Camenisch mit Bedauern. "Allerdings sind Zündhölzer in Ländern wie China oder den Ostblockstaaten das häufigste gesammelte Objekt", sagt Camenisch. So besteht der heutige Sammlerklub aus dreissig Mitgliedern, die zur Hälfte aus anderen Staaten der EU kommen. Gefunden hat sich die internationale Sammlertruppe übers Internet. Camenisch wurde zu deren Präsident erkoren.
Ein Volk der Zündholzsammler?
Camenisch möchte das Zündholzsammeln in der Schweiz wieder unters Volk bringen. Denn für ihn ist das Sammeln kein Selbstzweck. Immer schwingt bei ihm auch noch der gesellschaftliche Aspekt mit. "Die Menschen sollen eine Leidenschaft besitzen. Sie sollen über eine Tätigkeit aus der Einsamkeit heraus zueinander finden. Dies könnte auch ein Fernsehersatz sein."
Bericht von Christa Gall
Bild von Esther Michel
Neue Luzerner Zeitung vom 7. August 2002